Mehr als News: So erreichen Informationen ein junges Publikum – 2. Leipziger Mediengespräch

2. Leipziger Mediengespräch - v.l.n.r. Johannes Gemkow, Desiree Sander, Benjamin Bigl, Svenja Rakel, Gabriele Hooffacker

Wie erreichen journalistische Angebote Jugendliche und junge Erwachsene? Welche Rolle spielen Social Media, Medienkompetenz und eigene Medienproduktion für demokratische Teilhabe? Darum ging es beim 2. Leipziger Mediengespräch am 30. September 2026 des Europäischen Instituts für Journalismus- und Kommunikationsforschung (EIJK).

Unter dem Titel „Mehr als News“ diskutierten am Mediencampus der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig Vertreterinnen und Vertreter aus Journalismus, Wissenschaft und Medienpädagogik über neue Informationsformate und die Herausforderungen digitaler Öffentlichkeiten.

Wer nicht informiert ist, kann nicht mitreden und nicht kompetent mitentscheiden. Mit dieser These eröffnete Moderatorin Gabriele Hooffacker das 2. Leipziger Mediengespräch. Journalismus und Medienpädagogik verbinde der Anspruch, Menschen zur Teilhabe am demokratischen Prozess zu befähigen. Doch wie lässt sich dieser Anspruch unter den Bedingungen von Social Media verwirklichen? Und welche Formate sprechen junge Menschen tatsächlich an?

Auf dem Podium diskutierten Svenja Rakel, CvD des Instagram-Kanals von funk bei der Leipziger KONTER Studios GmbH, Desiree Sander, Projektleiterin der VISIONALE Leipzig, der Medienwissenschaftler Benjamin Bigl von der TU Dortmund sowie Johannes Gemkow vom Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt der Universität Leipzig.

Journalismus neben den Schlagzeilen

Dass journalistische Information nicht immer mit der klassischen Nachricht beginnen muss, zeigte Svenja Rakel am Beispiel von funk. Der Instagram-Kanal erreicht rund 1,8 Millionen Follower. Er versteht sich ausdrücklich nicht als klassisches News-Medium.

„Wir bewegen uns neben den News“, erläuterte Rakel. Die Redaktion greife aktuelle Themen auf, betrachte sie aber aus einer Perspektive, die in klassischen Medien häufig zu kurz komme. Ziel ist es, Ereignisse in die Lebensrealität junger Menschen zu holen und sie informativ oder unterhaltsam einzuordnen.

Das könne ein Erklärbeitrag zu politischen Zuständigkeiten sein, aber ebenso ein humorvoller Blick auf gesellschaftliche Phänomene. „Entscheidend ist, aktuelle Themen so aufzubereiten, dass sie auf Social Media verständlich und anschlussfähig werden“.

Wie sieht ein solcher Redaktionsprozess aus? In täglichen Konferenzen sammelt das Team Themenvorschläge, diskutiert sie und entscheidet über die Auswahl und das passende Format – vom Video über Memes bis zur Infografik. Anschließend durchlaufen die Beiträge mehrere Prüfstufen. Je nach Aufwand kann die Produktion wenige Stunden oder mehrere Tage dauern.

Junge Menschen wollen nicht nur konsumieren

Dass Jugendliche und junge Erwachsene soziale Medien nicht allein zur Unterhaltung nutzen, sondern dort auch gesellschaftliche und politische Fragen verhandeln, betonte Johannes Gemkow. Soziale Medien machten Verbindungen zwischen dem eigenen Alltag und globalen Entwicklungen sichtbar. Zugleich veränderten Algorithmen, neue Akteure und eine zunehmende Polarisierung die öffentliche Kommunikation.

Nachrichten würden häufig nicht gezielt gesucht, sondern beiläufig im Tagesverlauf wahrgenommen. In der Forschung wird dieses Phänomen als „News Find Me“ bezeichnet. Auch Kommentarspalten seien für junge Menschen relevant: Sie dienten dazu, Informationen einzuordnen und Stimmungen sowie Meinungsbilder abzuschätzen.

Dabei warnte Gemkow vor pauschalen Aussagen über „die Jugend“. Mediennutzung und Möglichkeiten zur Teilhabe unterschieden sich unter anderem nach sozialem und familiärem Hintergrund.

Eine weitere Herausforderung sei die Sorge vor Hassrede und Diskriminierung. Obwohl soziale Medien Möglichkeiten zur politischen Beteiligung eröffneten, hielten sich viele Jugendliche mit eigenen öffentlichen Beiträgen zurück. Die wahrgenommene gesellschaftliche Spaltung werde zudem durch algorithmische Logiken teilweise verstärkt.

Medienkompetenz ist Demokratiekompetenz

Benjamin Bigl stellte den Zusammenhang zwischen Medienkompetenz, Wissenschaftskommunikation und demokratischer Teilhabe heraus. Die Corona-Pandemie habe deutlich gemacht, wie wichtig es ist, wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich und evidenzbasiert zu vermitteln. Gleichzeitig seien Defizite beim Erkennen, Bewerten und Recherchieren von Informationen sichtbar geworden.

„Medienkompetenz ist immer auch Demokratiekompetenz“, sagte Bigl. Es gehe nicht nur darum, Informationen technisch abrufen zu können, sondern auch darum, Quellen zu prüfen, Zusammenhänge zu verstehen und die Bedeutung von Informationen für die eigene Meinungsbildung einzuschätzen.

An der TU Dortmund werden Wissenschaftskommunikation und Medienkompetenz deshalb in einem neuen Masterstudiengang zusammengeführt. Das Studienangebot soll Studierende dazu befähigen, wissenschaftliche Inhalte zu vermitteln und Menschen beim kritischen Umgang mit Medien zu unterstützen.

„Man soll die Social-Media-Nutzung junger Menschen nicht pauschal negativ bewerten“, riet Benjamin Bigl. Statt Verbote in den Mittelpunkt zu stellen, müsse es darum gehen, die Nutzung pädagogisch zu begleiten und geeignete Informationsangebote zugänglich zu machen.

Vom Medienkonsum zur eigenen Produktion

Wie wichtig eigene Medienproduktion für die Entwicklung von Medienkompetenz ist, wurde am Beispiel der VISIONALE Leipzig deutlich. Der Medienwettbewerb besteht seit 35 Jahren und gibt jungen Menschen Gelegenheit, eigene Arbeiten zu präsentieren.

Desiree Sander beobachtet dabei einen Trend zu Cross-Media-Formaten: Videos werden mit Websites, Podcasts, QR-Codes oder digitalen Magazinen kombiniert. Auch interaktive Installationen und VR-Projekte gehören zu den eingereichten Arbeiten. Die klassische Fotografie trete dagegen zunehmend in den Hintergrund.

Bei der eigenen Produktion setzten sich Jugendliche intensiv mit Themen auseinander, recherchierten und entwickelten eine eigene Perspektive. Gleichzeitig lernten sie praktische Aspekte wie den Umgang mit Urheberrecht kennen.

Sander betonte die Bedeutung von Neugier und Offenheit: „Junge Menschen sollten ermutigt werden, Fragen zu stellen, Quellen zu hinterfragen und sich am öffentlichen Diskurs zu beteiligen.“

Svenja Rakel bestätigte das: Ihre Redaktion hat sehr gute Erfahrungen mit sogenannten Info-Posts gemacht. „Die haben wir bei FUNK quasi erfunden. Vor 2019 gab es das nicht“, erläutert sie. „Und die Info-Posts kommen sehr gut an!“

KI als Werkzeug – und die Bedeutung des Handgemachten

Auch der Umgang mit künstlicher Intelligenz wurde auf dem Podium diskutiert. Für die VISIONALE ist KI ein Phänomen, mit dem sich junge Medienschaffende künstlerisch und medienpädagogisch auseinandersetzen können. „Ein durchdachter Prompt kann durchaus Teil einer kreativen Leistung sein“, findet Desiree Sander. Zugleich hätten handgemachte Arbeiten weiterhin ihren Platz.

Svenja Rakel berichtete von einem FUNK-Beitrag, der den verbreiteten KI-Bildtrend „Ich im 1980er-Jahre-Look“ bewusst mit handgemachten, überzeichneten Photoshop-Montagen parodierte. Die Idee dahinter: Nicht jeden Trend einfach übernehmen, sondern ihn aufgreifen und kommentieren. Das Publikum schätze auch Inhalte, die nicht vollkommen glatt produziert seien, sondern sich auch einmal über aktuelle Social-Media-Trends lustig machen. Auch die erkennbare persönliche Handschrift werde geschätzt.

Mit Blick auf generative KI beobachtet sie eine gewisse Ermüdung gegenüber ähnlich aussehenden Inhalten. Umso wichtiger sei es, die Möglichkeiten und Grenzen der Technologie verantwortungsvoll einzuschätzen.

Demokratisierung der digitalen Öffentlichkeit

Welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden, damit junge Menschen digitale Öffentlichkeiten aktiv mitgestalten können? Darum ging es In der Abschlussrunde.

Johannes Gemkow formulierte dafür eine grundsätzliche Perspektive: „Es geht weniger um eine Digitalisierung der Demokratie als um eine Demokratisierung der Digitalität.“ Medienkompetenz dürfe nicht allein als individuelle Aufgabe verstanden werden. Notwendig seien auch geeignete gesellschaftliche Rahmenbedingungen, Plattformregulierung und mehr Möglichkeiten digitaler Partizipation.

Benjamin Bigl fasste seinen Ansatz mit den Worten „Fördern statt fordern“ zusammen. Dazu gehörten zeitgemäße technische Ausstattung, bessere Unterstützung für Schulen und ein stärkerer Dialog zwischen den Generationen.

Svenja Rakel ergänzte, dass Redaktionen junge Menschen aktiv einbinden und ihnen Gestaltungsspielräume auf Social Media eröffnen sollten. Dabei komme es stark auf die zielgruppengerechte Aufbereitung, etwa durch Visualisierung, an. Nur wenn die Perspektiven der Jungen ernst genommen werden, können Informationsangebote entstehen, die sie tatsächlich erreichen.

Das nächste Leipziger Mediengespräch findet am 31.3.2027 statt. Thema und Gästen finden Sie rechtzeitig hier!