Rückblick auf das Symposium vom 16. Januar 2026:

Die Medientransformation gestalten!

EIJK-Mitarbeiter Philipp Clausberg berichtet nachfolgend über die Tagungsvorträge
und fasst deren Kernaussagen zusammen. Das Tagungsprogramm finden Sie Hier.

Keynote: Künstliche Intelligenz und menschliches Bewusstsein im Kontext Schule

von Prof. Dr. Michael Haller (in Vertretung des erkrankten Prof. Dr. med. Joachim Bauer)

Prof. Dr. Michael Haller | Symposium "Die Medientransformation gestalten!"

Prof. Haller eröffnet die Tagung, indem er das Publikum in die Gedankenwelt von Joachim Bauer, zusätzlich in die von Manfred Spitzer einführt. Der Forschungsansatz von Joachim Bauer befasse sich mit dem Zusammenhang von physischer und psychischer Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Die primäre Umgebung – Eltern und Familie, Kita, Kindergarten – wirke persönlichkeitsprägend und sollte die Selbstwerdung des Kindes fördern. Wie der Soziologe Hartmut Rosa so spreche auch Bauer von der Resonanz, mit der die Bezugspersonen das Kind begleiten und das kindliche Selbst stärken. Dieses resonante Umfeld ermögliche Selbstvertrauen und trage wesentlich dazu bei, menschliche Empathie auszubilden. Vor allem in sozial schwachen Milieus werde die Selbstwerdung oftmals durch Ignoranz, Zurechtweisung, auch Gewalt beeinträchtigt. Die Medien würden dort für eskapistische Wünsche intensiv genutzt; in der Wahrnehmung des Kindes ersetzen vor allem die Onlinemedien mehr und mehr die zwischenmenschliche Interaktions- und Erlebniswelt.

Dieser mediale Einfluss auf die Selbstwerdung, so Haller, sei für Bauer das Kernproblem der Internetmedien: Vor allem die über das Handy genutzten Angebote führten zur „Vermeidung der Selbst-Begegnung“ und weiter zu einer Hemmung des Lernprozesses. Heute komme noch hinzu, dass KI-Chatbots Empathie simulieren und wie resonanzschaffende Freunde als Bindeglied zur Lebenswelt erscheinen, tatsächlich aber die Selbstwerdung schwächen und realitätsflüchtige Neigungen bedienen. Gerade in bildungsschwachen Milieus werde die nötige Medienresilienz nicht vermittelt. Umso wich-tiger sei es für Erziehungsberechtigte und Lehrkräfte, die „Kinder in Bindung [zu] halten“, indem sie Räume für konkrete Erlebnisse, Erprobungen und Erfahrungen offenhalten und aktiv gestalten.

 

Prof. Dr. Joachim Bauer (links), Prof. Dr. Manfred Spitzer (rechts)

Haller zieht nun Bauers Kollegen Prof. Manfred Spitzer heran, ebenfalls Mediziner, Psychiater und Neurowissenschaftler. Der sehe dieselben Risiken und Gefahren, wenn schon im Kindesalter mit der Handynutzung begonnen werde. Wie sein Kollege Bauer spreche auch er über Störungen bei der Ausformung des Neocortex (Bauer erwähnt den präfrontalen Kortex), wenn die Handynutzung zu früh und zu intensiv einsetze. Spitzer sehe in den Internetmedien eine Gefahr für Kinder und Jugendliche und zeige am „Modell Schweden“, dass der Einsatz internetgestützter Lernmedien die Lernleistung Jugendlicher aus sozial schwachen Milieus keineswegs stärke, vielmehr mindere. Haller resümiert: „Bauer und Spitzer sind sich einig, dass internetgestützte Medien nicht in die Grundschulen gehören“. Auch darin stimmten Spitzer und Bauer überein: Nur die reale Erlebniswelt schaffe Selbstvertrauen, während die simulierende Ersatzwelt der Medien das Selbst eher beschädige. Anders als Bauer, so Haller, sähe Spitzer in den KI-Technologien eine für die Menschen bedeutsame zukunftsgestaltende Perspektive. Es sei darum wichtig, dass die älteren Jugendlichen im Schulunterricht die Logik und Funktionsweise der KI-Programme verstehen lernen. Denn, so sage es Spitzer, die jungen Menschen müssten die verantwortungsvolle Nutzung der KI-Programme lernen, weil die KI selbst eine verantwortungslose Maschine sei, die nichts weiter als Wahrscheinlichkeiten errechne.

Aus den Erkenntnisse der beiden Neurowissenschaftler formuliert Prof. Haller abschließend konkrete Handlungsvorschläge für die Medienbildung in den Schulen:

  • Der tradierte Begriff Medienkompetenz könne die KI-basierte digitale Kommunikationswelt nicht abbilden; er müsse grundlegender und weiter gefasst werden. Haller schlägt darum „Informationskompetenz“ vor, weil dieser Begriff die Funktionsweise der KI und auch das Kommunikationsverhalten der Menschen miteinschließe.
  • Kinder benötigen bis zur Sekundarstufe Schutz und Stärkung ihrer Selbstwerdung durch Mediennutzungsbegrenzung; im Kindesalter sei Medienabwehr und zugleich der Aufbau von Medienresilienz erforderlich.
  • Jugendliche sollten von der 8. Schulklasse an KI-Kompetenzen erlangen, um die Funktionslogiken der KI-Programme nachvollziehen zu können. Sie sollten zudem die Grundlagen der digitalen Ethik lernen, um angemessen und resilient interagieren zu können.
Medienmisstrauen in Teilen der ostdeutschen Bevölkerung: Gründe und Lösungsideen für die demokratische Öffentlichkeit

Dr. Judith Kretzschmar und Florian Döring, Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig

Dr. Judith Kretzschmar und Florian Döring, Institut für Kommunikations- und Medien-wissenschaft der Universität Leipzig | Symposium "Die Medientransformation gestalten!"

„Journalismus- und Demokratievertrauen in Sachsen“ lautet ein Forschungsprojekt an der Universität Leipzig. Im Rahmen dieses Projekts untersuchten Judith Kretzschmar, Markus Beiler, Uwe Krüger und Florian Döring die Gründe für Medienmisstrauen in Sachsen. Dr. Judith Kretzschmar führte zwischen November 2021 und Mai 2023 Interviews mit Menschen in ganz Sachsen in großer demographischer Breite. Mit diesem qualitativen Forschungsansatz sollten die Umstände und Gründe für das gegenwärtig starke Medienmisstrauen erkannt und verstanden werden.
Aus Sicht der Befragten entferne sich die Medienberichterstattung immer weiter von der gefühlten Lebensrealität der Menschen in Sachsen; der Journalismus erreiche weite Teile der Bevölkerung nicht mehr. Bemerkenswert ist der Befund, dass die älteren Befragten ein Medienverständnis äußerten, das durch die Einstellung ihrer Eltern, durch Schulerfahrungen sowie Erlebnisse während Studium und Beruf, zudem durch eigene Erfahrungen mit Medien in der DDR geprägt ist.
Kretzschmar und Döring ziehen folgendes Fazit: Ein Großteil der Befragten empfinde Distanz und Fremdheit zum Journalismus wie auch zur Politik, wobei das Politikmisstrauen mit Medienmisstrauen gekoppelt scheint. Wenn bei Streitthemen einseitig berichtet werde, erzeuge dies bei Andersdenkenden einen gewissen Anpassungsdruck, was wiederum als Manipulation oder Propaganda wahrgenommen werde. Daraus folgern die Forscher, die Medien sollten das Meinungsspektrum breiter erfassen und auch mehr Beteiligungsraum schaffen. Deshalb solle der moralisierende Ton verringert und depolarisierende Berichtsformen gewählt werden. Die journalistische Unabhängigkeit solle darin gezeigt werden, dass bevölkerungsnahe Themen aufgegriffen und diskutiert werden.

 

(v.l.:) Florian Döring und Dr. Judith Kretzschmar, Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig

Dabei sollten die Lokaljournalist*innen durch Dialogformen mehr Teilhabe schaffen. Auch sollte die Medienbildung verbessert und die Bevölkerung direkt angesprochen werden. Wenn Vielfalt und Ausgewogenheit in den Medien sichtbarer würden, so würde dies deradikalisierend wirken. Auch könne bei einem Teil der Befragten durch Gespräche und andere Dialogformen mehr Verständnis für das journalistische Handwerk geweckt und sein berufsethisches Regelwerk besser verstanden werden.

Der Forschungsbericht ist 2025 in Buchform erschienen und kann hier kostenlos als PDF bezogen werden.

Wie verändert sich der Umgang mit Nachrichten und Themen unter jungen Menschen?
Ein informativer Blick auf aktuelle Erhebungen

Europäisches Institut für Journalismus- und Kommunikationsforschung (EIJK)

Der Medienkonsum hat sich verändert, und damit auch das Lernverhalten. Mit ihrer Präsentation gibt das fit for news-Team einen Überblick über Erkenntnisse zum Mediennutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen. Empirische Daten zeigen, dass die Präsenz der Internetmedien ab Grundschulalter praktisch alle Kinder und Jugendliche umfasst. Dabei sind Inhalte dann attraktiv, wenn sie emotional, schnell und anschlussfähig an die Alltagswelt der Kinder funktionieren. Die Algorithmen der Plattformmedien wie TikTok  sind so programmiert, dass der „More-of-the-same“-Effekt bei vielen Jugendlichen Suchttendenzen weckt. Zudem führt die Vermischung von Nachrichten, Meinungsposts und Unterhaltungsinhalten dazu, dass der Unterschied zwischen Fiktionalem, Sachaussagen und Meinungsäußerungen von vielen Jugendlichen nicht erkannt wird.

Die von verschiedenen Einrichtungen erhobenen Mediennutzungsdaten zeigen darüber hinaus, dass praktisch alle Jugendlichen ab 12 Jahre KI-Chatbots benutzen, ohne deren Funktionsweise zu verstehen (Black-Box-Effekt).

Als Antwort auf die ungeregelte Nutzung aller möglichen Inhalte durch das Handy würden verschiedene Staaten derzeit über ein Handyverbot für Kinder bis 12 oder 14 Jahre – sei es generell, sei es begrenzt – auf den Schulunterricht diskutieren. Für Europa werden als Beispiele Norwegen, Schweden und Frankreich vorgestellt, die mit unterschiedlichen Regelungen ein Handyverbot umsetzen. Zugleich verlangen Medienpädagogen und Bildungspolitiker die Vermittlung von Medienwissen und Informationskompetenz in den medienberuhigten Räumen, um die Kritik- und Urteilsfähigkeit im Umgang mit den Plattformen der Social Media einzuüben.

(v.l.:) Michael Haller, Stefan Möck, Stephan Gert vom. Europäisches Institut für Journalismus- und Kommunikationsforschung (EIJK)

In Deutschland gibt es keine bundesweite Regelung für die Verwendung von Handys in den Schulen. Diese fällt in die Zuständigkeit der Bundesländer, die verschiedene Ansätze zur Nutzungsbegrenzung wie auch zum Erwerb von Medienkompetenz verfolgen oder dieses Thema einfach ihren Schulen überlassen.

Die Informationsfülle der Web-Datenwelt, vor allem der Netzwerkcharakter der Plattformmedien, so folgert das Forscherteam des EIJK, müsse konstruktiv erkannt und die Mediennutzung zweckvoll gesteuert werden. Statt pauschaler Verbote sollten Regelwerke entwickelt und für den Schulunterricht im Kontext der Medienbildung flächendeckend umgesetzt werden. Ein Erlass in Schleswig-Holstein untersagt seit Sommer 2025 den Gebrauch des Handys bis Schulklasse 9. Wieweit die Jugendlichen dort lernen, mit diesen Angeboten verantwortungsvoll umzugehen, werden Begleitstudien sichtbar machen – so hofft das EIJK-Team.

Igel und Hase: Der permanente Medienwandel und das Problem der Medienkompetenz

Prof. Dr. Marlis Prinzing, Macromedia University Köln

Prof. Dr. Marlis Prinzing, Macromedia University Köln | Symposium "Die Medientransformation gestalten!"Mit der wachsenden Dynamik der Medien und seiner technischen Treiber müsse auch die Regulierung Fahrt aufnehmen. Technische Gegebenheiten, betont Prof. Marlis Prinzing, veränderten sich zum Teil schneller, als dass sie gesteuert werden können. Gegenwärtig sehe man diesen Medienwandel in der technologischen Unterfütterung von Journalis-mus durch KI-gestützte oder durch diese generierten Inhalte. Prof. Prinzing gibt einen Überblick über das endlose Wettrennen zwischen Innovation und Regulierung, derzeit sichtbar an der weit zurückgebliebenen Medienkompetenz, indem die Nutzer dem taktgebenden Einfluss gewaltiger, zugleich fragwürdiger Tech-Unternehmern ausgeliefert seien. Wenn statt der Geschäftsmodelle der gesellschaftliche Zusammenhalt an erster Stelle stehe, sei ein hoher Regulierungsbedarf gegeben, zudem seien Innovationen und neue Ansätze erforderlich, um aufzuholen.

Es scheine unausweichlich, dass neue Vorstöße auf allen gesellschaftlichen und politischen Ebenen unternommen werden, insbesondere zur Verbesserung der Medienkompetenz. Denn auch in Zukunft gelte: Wer den Journalismus nicht qualitativ einschätzen könne, der könne auch nicht zwischen Informierung und Instrumentalisierung unterscheiden. Prof. Prinzing benennt beispielhaft hierzu die Lücken in den existierenden Medienregularien. So sei ein umfangreicher Pressekodex zwar vorhanden, jedoch gäbe es nicht ausreichend Schutz- und Regulierungsangebote auf digitaler Ebene. Eigentlich sei dies die Aufgabe der Politik, „wir können aber leider nicht warten,“ mahnt Prinzing. Ein geschützter Rahmen diene und stärke Medien, egal ob öffentlich-rechtlich oder privat, die in erster Linie der Öffentlichkeit und nicht der Profitmaximierung dienlich seien, damit der Journalismus wieder als Mittelpunkt einer gesunden gesellschaftlichen Diskurskultur stehen könne.  

Alternative Medien: Mehr Meinungsvielfalt oder mehr Polarisierung?

Prof. Dr. Florian Muhle, Zeppelin Universität Friedrichshafen

Prof. Dr. Florian Muhle, Zeppelin Universität Friedrichshafen | Symposium "Die Medientransformation gestalten!"Was macht Inhalte und Aussagen, die vom Mainstream abweichen, attraktiv und oft auch erfolgreich? Und was bedeuten solch eigenwillige Publikationen für die Öffentlichkeit und die Medienbildung? Diese Fragen beleuchtet Prof. Florian Muhle in seinem Vortrag. Ursprünglich aus emanzipatorischen Bewegungen der späten 1960er Jahre hervorgegan-gen, würden sogenannt Alternative Medien heute meist dem politisch rechten Spektrum zugeordnet. Doch im Fortgang der 2010er Jahre habe sich das Feld der alternativen Medien zu einem medialen Ökosystem weiter ausdifferenziert, welches die traditionellen Medien mehr und mehr zu ersetzen beansprucht. In der politischen rechten Szene seien die alternativen Angebote eng vernetzt und produzierten inzwischen genügend Inhalte, um auch die Berührung mit traditionellen Medien zu vermeiden. Dabei würden oftmals Ausschnitte aus dem Nachrichtenangebot der etablierten Medien aus dem Kontext gerissen und neu gerahmt. Zwar würden sich die alternativen Medien stark voneinander unterscheiden, doch würden alle eine mainstreamkritischen Haltung für sich reklamieren. Zur Breite der Angebotspalette zählten sowohl lokale wie auch überregionale, professionelle wie auch amateurhafte Publikation; deren Geschäftsmodelle seien teils kommerziell, teils nichtkommerziell ausgelegt und folgten unterschiedlichen ideologischen bzw. politischen Positionen. Manche würden faktenbasiert informieren, andere agitatorisch ma-nipulieren. Von daher könne man alternative Medien „nicht über einen Kamm scheren.“

Prof. Muhle deutet die Attraktivität der alternativen Medien sowohl in den steigenden Qualitätsproblemen der traditionellen Medien, in den digitalen Produktions- und Distributionsmöglichkeiten des Internets und schlussendlich im Publikumswandel. Im Hinblick auf die mediale Öffentlichkeit lässt sich zwischen unproblematischen, weil meinungserweiternden Effekten, und problematischen, weil polarisierenden, Folgen unterscheiden. Aufs Ganze gesehen sind alternative Medien Reaktionen auf qualitative wie auch positionelle Defizite. In gewisser Weise fungieren als ein ‚Immunsystem,‘ das die Gesellschaft auf Störungen aufmerksam machen kann. Zusätzlich bieten sie meist eine Ausdifferenzierung innerhalb eines öffentlichen Diskurses, soweit das Publikum nicht gänzlich von der Öffentlichkeit des Mainstreams abgeschottet werde und diese Öffentlichkeit nicht durch journalistische Dysfunktionen (Intransparenz in der Vermittlung von Tatsachen und Meinungen wie auch Falschmeldungen oder Anfeindung derjenigen, die andere Meinungen vertreten) ihre Geltung verliert. Insofern brauche es weiterhin funktionsstarke Medien. Es brauche aber auch Pluralismus und Qualitätsansprüche an alternative Medien, damit diese als Beitrag zur Differenzierung der öffentlichen Meinung anerkannt werden. Um die Alternativen Medien in ihrer positiven/unproblematischen Funktion wertzuschätzen, betont Muhle, brauche es vor allem Einordnungskompetenz. Denn in einer algorithmisch vorangetriebenen Aufmerksamkeitsökonomie müsse man klar einordnen können, was informativ und was agitatorisch ist.

Gedanken über eine Schulbildung, die Jugendliche medienresilient und medienkompetent macht

Prof. Dr. Michael Haller, Europäisches Institut für Journalismus- und Kommunikationsforschung

Für die Jugend ist Sprache seit jeher ein Mittel, sich durch die eigene Lexik und durch semantische Innovationen von ihrer Elterngeneration abzugrenzen. So gesehen, sagt Haller, funktioniere die Jugendsprache – aus Sicht der etablierten Erwachsenenwelt – wie ein fortlaufend sich an Trends und Moden anpassendes alternatives Jugendmedium. Auf den Plattformen der Onlinemedien entstünden innert weniger Tage neue Sprachstile und Artikulationsmuster, die sich auf die Sprachentwicklung reduktiv auswirken, aber auch moralisierende Trends – die Korridore des Sagbaren – prägen. Diese würden mangels fundierter Medienresilienz rasch rezipiert, verbreitet und in neue Kontexte des zwischenmenschlichen Umgangs umgebettet. Dies betreffe such prekäre Sprachstile, die in den Chats der Social Media Plattformen oft mit rassischen, diskriminierenden, identifikatorischen und euphorisierenden Inhalten zu einem bunten Mix amalgieren. Abgelöst von jeder auf die Ereignisrealität bezogenen Glaubhaftigkeit, kursieren sie in den algorithmisch gesteuerten Schleifen der personalisierten Dienste, allen voran WhatsApp und TikTok. Besonders wirkungsvoll sei die Funktion sogenannter Taktgeber – insbesondere Influencer –, die emotionalisierte Inhalte verbreiten oder auch unterdrücken könnten, oft aus kommerziellen Gründen.

In dieser alternativen Jugendsprachwelt, so Haller weiter, beobachte man eine Subjektivierung sämtlicher Aussagen. Empfindungen treten an die Stelle begründbarer Meinungen und wirken nachhaltiger als Sachaussagen, besonders, wenn diese von Vertrauenspersonen (welche indessen nicht vertrauensvoll sein müssen) stammen. Allerdings träfe man in der jungen Generation andere Verständnisse von Glaubhaftigkeit: Anstelle der objektiven Fakten stehe Authentizität an oberster Stelle. Ob und wie diese Authentizität inszeniert wird, spiele keine Rolle, solange sie an die „Stimmung“ der Gefühlswelt der Community anschlussfähig ist.

Für den Umgang mit dieser Subjektivierung diskutiert Prof. Haller Verfahren zur Vermittlung der auf Verständigung gerichteten Sprach- und Kommunikationsregeln vom Grundschulalter an. Deren Erwerb fördere medienkritisches Denken und stärke auch die Medienresilienz unter Kindern und Jugendlichen. Diese Regeln seien für die Kommunikation in der digitalen Medienwelt ähnlich bedeutsam wie das Alphabet zum Lesen und Schreiben. Mit dem Wissen über die Instrumentalisierung der kommerziellen Apps und Posts auf den Plattformen und mit einer robusten Informationskompetenz können Kinder und Jugendliche frühzeitig gegen Irreführung und Manipulation immunisiert werden. „Was seinerzeit in den Grundschulen mit dem ABC, also mit Schreiben und Lesen gelungen ist, genau dies müsste heute das digitale ABC, nämlich das Regelwerk der mediengebundenen Kommunikation bis zum Ende der Grundschulzeit eingeübt sein“, sagt Haller zum Abschluss.

Die Newsmedien und die jungen Erwachsenen – Einblicke in das Labor „Zukunft des Newsjournalismus und des Lokaljournalismus“: das Projekt One RND

Hannah Suppa, Chefredakteurin Leipziger Volkszeitung (LVZ), Koordinatorin regionale Chefredaktionen MADSACK

Seit Beginn dieses Jahrtausends gehe die Reichweite der Tageszeitungen in der Bevölkerung stetig zurück. Vor diesem Hintergrund beleuchtet Hanna Suppa die Schwierigkeiten der Lokalzeitungen, insbesondere jüngere Erwachsene anzusprechen und sie vermittels spezifischer Informations- und Gesprächskanäle an den Journalismus heranzuführen.

Seit 2020 koordiniert sie die regionalen Chefredaktionen der MADSACK Mediengruppe. Aus ihren Erfahrungen hat sie ein Konzept entwickelt, mit dem die Zeitung ihren Lokaljournalismuszukunftsfähig machen werde. Sie präsentiert eine Liste an Verbesserungsvorschlägen, die zu Teilen in der Dachredaktion – dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) – erarbeitet wurden. Unter anderem solle der Journalismus das liefern, was KI (noch) nicht bereitstellen könne: Authentizität und Qualität, verbunden mit (sub)kulturellen Tiefgang. Das Angebot solle von Menschen und von der KI gemacht werden; redaktionelle Managementprozesse indessen würden sehr von KI-gestützt optimiert und Verarbeitungsroutinen an die KI abgegeben. Frau Suppa hofft, dass auf diesem Wege die Journalisten mehr Kapazität für die Inhalte gewännen. Wichtig sei, nicht zu viele Aufgaben, die delegierbar sind, anzuhäufen. Man müsse lernen, die zentralen Aufgaben im Griff zu behalten, die zur Kernkompetenz und zuständigkeit von Redaktionen gehörten. Zeit, betont Suppa, spiele eine immer größere Rolle im Nachrichtenkonsum. Es sei für die Reichweite wichtig, über relevante Vorgänge präzise und kurz zu informieren. Sie nennt beispielhaft den Erfolg eines im RND veröffentlichen Newsletters, der zwischen März 2024 und November 2025 von unter 50.000 auf mehr als 250.000 Abonnements angestiegen sei. Zu ihrem Konzept gehöre auch der Aufbau einen lokaljournalistischen Netzwerks, das von 11 verschiedenen Partnern genutzt würde. So habe die MADSACK Mediengruppe bereits 2013 mit dem RND ein Netzwerk gegründet, das mit einer wachsenden Zahl an lokalen und überregionalen Nachrichtenhäusern zusammenarbeite. Mit diesem Netzwerk könnten zudem die individuelle Stärke und Expertise der beteiligten Redaktionen den anderen Redaktionen zur Verfügung gestellt werden.

Ein weiter Konzeptpunkt, so Frau Suppa, beträfe den Sensations- und Empörungsjournalismus. Dieser werde zurückgefahren und der faktenfokussierte Journalismus gestärkt, mit dem Ziel, zum meinungsoffenen Gesellschaftsdiskurs beizutragen. Besonders dieses Aneinanderreihen von Aussagen der Politikerinnen und Politiker nach einem „he said, she said“ -Muster sei kontraproduktiv. Besser wäre es, die Fakten herauszuarbeiten und erst dann zu berichten, wenn diese vorlägen. Ein anderer Punkt beträfe die Angebotspalette: Der Journalismus müsse mitzusätzlichen Produktionen und Formate noch attraktiver werden, damit er mit den Unterhaltungsmedien (Podcasts, Events, lokale Angebote) mithalten könne. Und nicht zuletzt gewinne auch die redaktionelle Fachexpertise an Bedeutung, indem Thementeams gebildet und redaktionelle Zuständigkeiten neu definiert würden. Beispielsweise solle stets genügend Fachexpertise vorhanden sein, um verlässlich berichten und einordnen zu können. Ein weiterer wichtiger Punkt des Konzepts sei die Lösungsorientierung: Anstatt ausschließlich über vermeintlich unlösbare Probleme zu berichten, würde nach machbaren Lösungen recherchiert.

Eine herausragende Bedeutung, so Suppa abschließend, erhalte der Dialog mit dem Publikum. Diesem wolle man nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe begegnen und deutlich machen, dass die Bevölkerung es verdiene, von den Journalisten ernst genommen zu werden – und umgekehrt. Mit all diesen Maßnahmen hoffe die Chefredaktion, dass mit den vielen Missverständnissen und Feindbildern aufgeräumt werde.

Zu diesem Vortrag zeigen wir keinen Mitschnitt.

Podiumsgespräch: Rückgewinnung der Orientierungsfunktion des
Journalismus in der KI-basierten Medienwelt

Auftakt: Florian Meesmann, Stellv. Chefredakteur MDR /Redaktionsleiter MDR Aktuell.

Florian Meesmann, Stellv. Chefredakteur MDR /Redaktionsleiter MDR Aktuell | Symposium "Die Medientransformation gestalten!"Die Diskussionsrunde eröffnet Florian Meesmann mit einem Intro. Er spricht über die Bemühungen des MDR, junge Menschen besser und zuverlässiger zu erreichen und in der jungen Generation als relevantes journalistisches Medium wahrgenommen zu werden. Auch Meesmann nennt das für viele journalistische Medien zentrale Problem, den Informationsauftrag ernst zu nehmen, die verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu erreichen und zugleich auch als Geschäftsmodell funktionstüchtig zu bleiben.

Anschließend Diskussion mit Hanna Suppa, Florian Meesmann, Florian Muhle, Michael Haller.
Moderation: Friedrike Schicht

In der Podiumsdiskussion sprechen die Journalist*innen und Medienwissenschaftler über die Verantwortungsebenen des Journalismus. Großes Gewicht besitze die Transparenzverantwortung als Bedingung für Glaubwürdigkeit. Hierbei treffen die medienwissenschaftlichen Einsichten auf die Selbstwahrnehmung des Journalismus. Als dringende Notwendigkeit stellt sich neben der Journalistenausbildung die Offenlegung journalistischer Arbeitsweisen heraus. Medienverständnis sei von jeher ein Problem, doch gegenwärtig sind die Defizite besonders krass, weil sich die Welt der digitalen Nachrichtenmedien rasant verändere, zumal die technologischen Veränderungen und sozialen Prozesse neue Perspektiven eröffnen, die manche Sorgen und Nöte erkennbar werden lassen. Die Gesprächsrunde ist sich einig darin, dass nicht katastrophische, sondern lösungsorientierte Berichterstattungen für die künftigen Informationsmedien lebenswichtig werde. Mehrere Statements reklamieren den bislang zu schwachen politischen Willen, der helfen sollte, die journalistische Kernfunktion als Funktionsteil der Demokratie zu stärken.

(v.l.:) Michael Haller, Florian Muhle, Hannah Suppa, Friederike Schicht, Florian Meesmann.

Im folgenden Gespräch mit den Zuhörenden standen die Fragen – wie auch Lösungsansätze – im Vordergrund, wie der Journalismus mehr Transparenz zeigen, in seiner Nachrichtenaufarbeitung kompetenter und in der Präsentation der Nachrichten sachlicher werde könne. Diese Veränderungen, darin stimmten Referenten und Zuhörende überein, wären im Verbund mit mehr Medienkompetenz unter Jugendlichen wegweisend für die funktionierende Demokratie.