Rückkehr zum Diskurs – 1. Leipziger Mediengespräch

1. Leipziger Mediengespräch (v.l.n.r.): Judith Kretzschmar, Stine Eckert, Michael Haller, Michael Krell, Gabriele Hooffacker (Foto: Peter Lokk)

„Die zentrale Frage ist: Wie weit soll regulierend eingegriffen werden – und wie weit kann man auf der anderen Seite die Resilienz der Beteiligten stärken?“ So eröffnete Professor Michael Haller sein Statement beim ersten Leipziger Mediengespräch. Moderiert von Prof. Gabriele Hooffacker (HTWK Leipzig) widmete sich die Podiumsdiskussion am 29. April 2026 auf dem Mediencampus Villa Ida den Herausforderungen, denen Journalistinnen und Journalisten durch Hassrede, Anfeindungen und die sich wandelnden Plattformlogiken gegenüberstehen.

Prof. Stine Eckert (Wayne State University, Detroit), Prof. Michael Haller (EIJK), Dr. Judith Kretzschmar (Univ. Leipzig) und Michael Krell (TU Dresden) diskutierten die Situation in Deutschland und den USA und schlugen konkrete Lösungsansätze vor.

Ausgangslage: Journalismus unter Druck

Gabriele Hooffacker beschrieb zum Auftakt des Gesprächs, dass die eigentlich positiven Möglichkeiten des Internets für Partizipation und Dialog zunehmend durch Phänomene wie „Flame Wars“, „Edit Wars“ und systematische „Hate Speech“ überschattet werden Besonders Journalistinnen und Journalisten seien von dieser Entwicklung betroffen.

Prof. Stine Eckert (Wayne State University, Detroit) berichtete von einer qualitativen und quantitativen Verschärfung der Angriffe in den USA über die letzten zehn Jahre. Sie erkennt zum einen eine zunehmende Polarisierung: Nahezu jedes Thema könne heute zu einem hoch emotionalisierten „Hot-Button-Issue“ werden, was Journalisten zur vorsorglichen Reduzierung ihrer Sichtbarkeit zwinge.

Zudem gebe es institutionelle Hürden: In vielen US-Bundesstaaten werden Mittel für Diversität und Inklusion gestrichen, was auch die Forschung und den Schutzraum an Universitäten beeinträchtigt. Und schließlich sei ein besorgniserregender Trend in den USA, dass Angriffe zunehmend auch von staatlichen Akteuren ausgehen.

Michael Krell (TU Dresden) schilderte, dass in Sachsen insbesondere die Berichterstattung über rechtsextreme Proteste (z. B. „Freie Sachsen“ oder Corona-Proteste) mit hohen persönlichen Risiken verbunden sei: „Wir haben in Sachsen sehr aktive rechtsextreme Akteure, die gezielt medienfeindliche Strategien einsetzen. Ein Beispiel sind die ‚Freien Sachsen‘, die während der Corona-Proteste stark präsent waren und regelmäßig Demonstrationen organisiert haben. Diese Veranstaltungen wurden anfangs kaum journalistisch begleitet. Nur wenige Journalistinnen waren vor Ort – und genau diese Personen wurden dann gezielt angegriffen.“

Für die betroffenen Journalisten besonders bedrohlich sei die Online-Offline-Verknüpfung: Digitale Hetze führe oft zu realen Bedrohungen, wie Markierungen an Privatwohnungen oder gezieltes Ausspähen von Identitäten. Insbesondere Journalistinnen erlebten überproportional häufig sexualisierte Anfeindungen, Stalking und Morddrohungen.

Michael Haller illustrierte sein Statement mit einer historischen Episode. Im Jahr 1641 hatte das englische Parlament die Vorzensur abgeschafft, die zuvor unter König Charles I. gegolten hatte. Plötzlich gab es radikale Pressefreiheit. Die Bevölkerung war jedoch durch vorherige Konflikte stark aufgeladen und voller Wut und Frustration. Es entstand eine Flut an Flugblättern, Beschimpfungen, Verschwörungstheorien – vergleichbar mit heutigen Social Media. Das Ausmaß war so extrem, dass bereits ein Jahr später die Pressefreiheit wieder eingeschränkt wurde. Erst nach weiteren Auseinandersetzungen entwickelte sich eine stabile Form von Pressefreiheit.

Haller zog daraus den Schluss: „Vielleicht ist das ein passendes Bild für unsere heutige Situation: Wir befinden uns gewissermaßen noch in dieser frühen Phase und suchen nach einer Regulierung, die sowohl Meinungsfreiheit als auch Schutz vor Schäden ermöglicht.“

Dr. Judith Kretzschmar stellte das Projekt „Bürger machen Journalismus“ vor: „Unsere These ist, dass zwei Faktoren entscheidend sind: Zum einen der Rückgang des Lokaljournalismus, zum anderen mangelnde Medienkompetenz und fehlende Nähe zwischen Medien und Publikum. Beides trägt zu Misstrauen bei, das sich im schlimmsten Fall in Hass und Gewalt äußert.“ Das Projekt bringt Bürgerinnen und Bürger mit Journalistinnen und Journalisten zusammen und lässt sie über drei Monate hinweg gemeinsam arbeiten. Zunächst lernen sie die Grundlagen des Journalismus kennen, Arbeitsweisen, Prinzipien und auch Grenzen. Danach entwickeln sie eigene Themen, die sie persönlich betreffen, und setzen diese gemeinsam um. Durch die intensive Zusammenarbeit kommen sich beide Gruppen näher.

Strategien und Lösungsansätze

Um Journalistinnen und Journalisten effektiv vor Anfeindungen zu schützen, haben sich verschiedene Ansätze etabliert. Die Initiative „Between the Lines“, bei der Michael Krell aktiv ist, setzt beispielsweise auf den Schutz vor Ort: Ehrenamtliche Begleiter fungieren als „zweites Paar Augen“ bei riskanten Einsätzen, um deeskalierend zu wirken und den Medienschaffenden den Rücken freizuhalten. Stine Eckert berichtete, in den USA werde die Unterstützung primär durch spezialisierte NGOs getragen, die Betroffenen ein breites Spektrum an Hilfe bieten – von psychologischer Betreuung über rechtliche Beratung bis hin zu technischer Unterstützung bei digitalen Angriffen. Ein weiterer wichtiger struktureller Ansatz sei die Etablierung von Safety Officers. Diese festen Ansprechpersonen, insbesondere in Lokalredaktionen, arbeiten eng mit den Journalisten zusammen, um individuelle Sicherheitskonzepte zu entwickeln und präventiv auf Bedrohungslagen zu reagieren.

Michael Haller betonte die Notwendigkeit einer „Zangenbewegung“ auf den drei Ebenen Regulierung, Einfluss auf Algorithmen und Stärken der Resilienz: „Wir brauchen Instrumente wie den Digital Services Act (DSA) auf EU-Ebene. Auch wenn Journalisten oft darüber schimpfen, ist es ein wirksames Mittel, das Betroffenen Mut macht, gegen Diffamierung vorzugehen.“ Die Plattformen müssen verpflichtet werden, zu prüfen, was ihre Algorithmen priorisieren, und sie gegebenenfalls zu verändern. Ein nächster Schritt wäre, dass Nutzer selbst einstellen können, womit sie „zugeschüttet“ werden. Und schließlich brauche die Gesellschaft keine Zensur, sondern souveräne Bürger. „Wir müssen junge Menschen zu mehr Resilienz erziehen, damit sie nicht auf jede Provokation sofort emotional reagieren. Programme wie ‚Fit for News‘ in Schulen setzen genau hier an: Schule sollte nicht nur Wissen vermitteln, sondern ein Ort der Bildung zum kritisch denkenden, selbstbewussten Bürger sein.“

Dr. Judith Kretzschmar zieht aus dem Projekt „Bürger machen Journalismus“ den Schluss: Misstrauen beruhe oft auf Unkenntnis über journalistische Arbeitsweisen. Durch die direkte, dreimonatige Zusammenarbeit von Bürgern und Journalisten könne Nähe geschaffen und Vorurteile abgebaut werden. Wer Journalisten persönlich kenne, habe signifikant mehr Vertrauen in die Medien.

Ausblick: Der Wunsch für die nächsten fünf Jahre

Die Diskutanten formulierten als Forderungen für die Zukunft:

  1. Regulierung: Eine Weiterentwicklung der „Internet-Verkehrsordnung“, die individuelle Freiheit schützt, aber dort Grenzen zieht, wo andere gefährdet werden.
  2. Institutioneller Schutz: Verbindliche Schutzkonzepte auch für freie Journalistinnen und Journalisten, die oft ohne den Rückhalt großer Medienhäuser arbeiten müssen.
  3. KI-Verantwortung: Frühzeitige Regulierung von Technologien wie Deepfakes, um die Verbreitung von Frauenhass und Desinformation einzudämmen.
  4. Rückkehr zum Diskurs: Die Verlagerung von Debatten aus der anonymen digitalen Welt zurück in den persönlichen, gesellschaftlichen Nahraum.

Stine Eckert forderte zum Abschluss, dass die Gesellschaft aus vergangenen Fehlern im Umgang mit neuen Technologien lernen solle: „Wir müssen bei der KI aufpassen, dass wir nicht dieselben Fehler machen wie beim frühen Internet oder den sozialen Medien. Wir brauchen frühzeitige Kompetenzentwicklung und Regulierung (wie den EU AI Act), bevor sich Hassformen wie Deepfakes oder geschlechtsspezifische Gewalt noch weiter verbreiten. Ich wünsche mir, dass wir aus früheren technologischen Schlaufen gelernt haben, um marginalisierte Gruppen besser zu schützen.“

Insgesamt wurde deutlich, dass der Kampf gegen den Hass im Netz eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, die auf mehreren Ebenen gleichzeitig ansetzen muss: Er erfordert rechtliche, bildungspolitische und zivilgesellschaftliche Anstrengungen gleichermaßen.

Hintergrund

Die Leipziger Mediengespräche bringen Bürgerinnen und Bürger ins Gespräch mit Menschen aus Journalismus, Journalistik, Medien- und Kommunikationswissenschaften sowie Medienpolitik. Sie verhandeln aktuelle Fragen zu Trends und zur Entwicklung der Medien – von Print über Audiovisuelles bis zu Games und online. Das nächste Leipziger Mediengespräch findet am 30. September ebenfalls auf dem Mediencampus Villa Ida in Leipzig-Gohlis statt.